13. Tag auf See / Schlimmer geht immer

Freitag, 2. Dezember 2016 (über SAT)

Am Donnerstag Nachmittag fahren wir deutlich ruhiger, ohne Schlagen und Geigen mit dem Passatsegel vor dem Wind. Lediglich ein ständiges Knorzen, das von dem Umlenkblock im Masttop für das Spi-Fall, herzukommen scheint, stört uns. Der Block wird wohl noch in Martinique auszutauschen sein. Mit Beginn der ersten Nachtwache wird das Geräusch immer lauter und Armin befürchtet, dass die etwas nachgiebigere rote Leine, die als Fall für das Passatsegel dient, durch die ständige Längenänderung die Lagerrollen des Blocks zu sehr belastet hat und diesen auf Dauer zerstört. Das wäre übel. Einen blau-weiß-roten Teppich vor uns auf dem Wasser hatten wir schon mal (siehe ATLANTIK ZWISCHENDURCH 2009), brauchen wir nicht nochmal.

Das Segel muss runter, das Fall muss gegen ein Fall mit weniger Schrick (schwarze Leine) ausgetauscht werden. Trotz Schwimmweste, AIS-Beacon und Life-Belt kein ungefährliches Unternehmen in der Dunkelheit. Nicole kriegt eine „kleine“ Kriese. Trotzdem, manchmal müssen auch unangenehme Dinge getan werden. Das Passatsegel wird eingerollt und im Licht der Decksbeleuchtung holt Armin es auf dem Vordeck herunter. Die stampfenden Schiffsbewegungen beuteln ihn ziemlich. Nach kurzem Kampf liegt die „Segelwurst“ an Deck. Mit Tape werden die rote und schwarze Leine so verbunden, dass die Verbindungsstelle den Block passieren kann. Dann wird die neue an der alten Leine durch den Block gezogen und gehofft, dass die getapte Verbindung nicht reisst. Die Leinen werden getrennt und das Passatsegel mit der neuen schwarzen Leine hochgezogen.

Nach einer Stunde Arbeit zieht uns das Passatsegel wieder. Armin ist etwas geschafft und Nicole überglücklich als er wieder ins Cockpit zurückkehrt. Das Geräusch ist weg. Allerdings liegt die Ursache nicht in der Dehnbarkeit der Leine und der dadurch bedingten Bewegung des Blocks, sondern in der anscheinend erreichten Bruchlast der Leine. Diese knistert bei jeder Bewegung, da anscheinend der Kern überbelastet war. Auf Dauer wäre das nicht gut gegangen. Die nächsten Stunden laufen wir problemlos bei achterlichem Wind von 12 -15 Kt und einer Bootsgeschwindigkeit von 6 bis 8,5 Kt auf unserem Kurs. So könnte es bleiben.

Denkste. Pünktlich zum Wachwechsel um 0500 dreht der Wind plötzlich um 90° und frischt auf 20 Kt auf, dazu wird es kalt. ASHIA rast mit 10 Kt dahin, deutlich über Rumpfgeschwindigkeit. Das ist zu viel, das Segel muss runter. Während das Einrollen am Abend problemlos funktioniert hat, bleibt diesmal im oberen Drittel eine Blase stehen, die wie wild an der aufgerollten Genua schlägt und scheuert. Inzwischen regnet es in Strömen. Wenn wir keinen Materialschaden riskieren wollen muss das Segel wieder runter. Zum zweiten Mal in dieser Nacht kriecht Armin in der Dunkelheit aufs Vorschiff. Eigentlich hätte bereits die Morgendämmerung einsetzen müssen, aber die schwarze Wolkendecke unter der wir jetzt motoren, reicht im Osten bis zum Horizont und schluckt das Licht der aufgehenden Sonne. Wie ein Maikäfer auf dem Rücken liegt Armin an Deck und fängt das herunterkommende Segel ein und muss gleichzeitig „kontrolliert“ Leine nachgeben. Bei den wilden Schiffsbewegungen ist ein Stehen an Deck nicht möglich. Die nicht eingerollte Blase, in der sich der Wind immer wieder verfängt, erschwert das Bergen erheblich, doch irgendwann hat das Segel auch diesmal verloren und liegt festgezurrt an der Reling an Deck. Klatschnass kommt Armin zurück ins Cockpit.

Es ist zu kalt für „barfuß im Regen“. Als die Sonne es endlich geschafft hat, die Wolkendecke zu durchbrechen, so dass es hell wird und Regen und Wind etwas nachgelassen haben, gehen wir gemeinsam vor und holen die Poles rein. Nun können wir endlich wieder segeln. Allerdings nicht mit achterlichem Wind, sondern unter weißen Segeln am Wind. Bis der Besan als drittes Segel gesetzt ist, öffnet der Himmel schon wieder seine Schleusen. Gegen Mittag kommt endlich wieder die Sonne raus und der Wind dreht zurück. Das Passatsegel verschwindet in der vorderen Segellast, wir fahren die Poles wieder aus und setzen Genua und Genaker, beides ausgebaumt über die Poles.s1030625_blog

Seit ein paar Tagen finden wir jeden Morgen einen toten Fliegenden Fisch an Deck. Soll das die Entschädigung der Götter für das Spiel, das sie mit uns treiben, sein? Nee Jungs, so nicht! Diese Entschuldigung wird nicht angenommen. Hört auf mit dem Quatsch, sonst gibt’s beim nächsten Mal statt teuren Grappa nur Fusel oder Fischwodka.

Fragt sich immer noch jemand, was wir so tun an Bord und ob es uns nicht langweilig ist!!!

Nicole und Armin

SY ASHIA, SM2k, #357

5 Kommentare

  1. Nee, ne? Könnte von uns sein. Wobei wir den Wind immerhin nur von hinten hatten…Schlagende Segel sind die Pest! Armin als Käfer auf dem Rücken? Exakt das Gleiche bei Peter. Und wir Frauen so froh, wenn die Männer wieder heile im Cockpit sind…
    Wir feiern das Durchstehen, sobald wir uns sehen! Alles Liebe und herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Überfahrt! Peter und Ute

  2. Hi Ihr beiden,
    nicht verzagen, die Gesetze der Natur, der Physik und des Dao, gut ablesbar am Yin-Yang-Symbol, lassen keinen Zweifel: Es wird nur noch besser werden und Ihre werdet belohnt werden!
    Lieben Gruß vom Alexander

  3. Ein beschauliches Weihnachten auf Martinique wird eure Belohnung sein.
    Es ist wohl wie beim Theater: Problematische Generalprobe (Atlantik), gelungene Premiere (WorldARC). Wir wünschen euch, dass die Götter es in Zukunft BESSER mit euch meinen 😇

  4. Oh, oh das ist wohl nicht die gemütliche „Barfußroute“??
    Lasst Euch nicht unterkriegen. Übrigens…. hier regnet es im Moment auch
    und die feinen Härchen am Körper suchen sich einen Stehplatz!!!

    LG
    Gaby und Wolfgang

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