Abschied von den South Pacific Islands

Montag, 24. Juli 2017
Seit Donnerstagmorgen 1000 sind wir unterwegs von Vanuatu nach Australien. Wir segeln auf Halbwindkurs mit um die 7 kn Geschwindigkeit Richtung der Hydrographers Passage, dem Eingang ins Great Barrier Reef. Wir hoffen, im Laufe des Mittwoch dort anzukommen, dann sind es noch gut 100NM bis Mackay. Ob diese, von der ARC vorgegebene Passage der günstigste Weg nach Mackay ist, erscheint uns fraglich. Es gibt einen kürzeren Weg, der durch die Grand Passage oberhalb der Grand Lagoon und südlich des Chesterfield Riffs zum südlichen Eingang des Great Barrier Reefs führt. Hierbei würde uns die lange, gegen den Wind verlaufende Riffpassage erspart bleiben. Da aber die Ziellinie in den Eingang der Hydrographers Passage gelegt wurde, müssen wir wohl dort durch. Hoffentlich erreichen wir den Eingang bei Tageslicht.
Bis dahin ist Zeit, um die Eindrücke der South Pacific Islands zusammenzufassen. Haben wir das Südsee-Paradies gefunden? Nun, der Tourist, der im 5-Sterne-Resort seine zwei Wochen All-Inclusive-Urlaub verbringt im soliden, klimatisierten Bungalow am gepflegten Palmenstrand mit einem Frühstücks- und Abendbuffet, das sich unter exotischen Speisen und Früchten biegt, der empfindet es bestimmt als Paradies. Die Realität außerhalb der Resortzäune ist ein bisschen anders. Der weiße Sandstrand der Postkartenidylle ist meist ziemlich scharfkantiger Muschelkalk und der Aufenthalt unter Kokospalmen ist nicht ungefährlich. Immerhin sterben mehr Leute durch herabfallende Kokosnüsse als durch Haiangriffe! Geht man auf den Luv-Seiten der Inseln spazieren, fällt überall der angeschwemmte Plastikmüll auf. Kanister, Flaschen, FlipFlops, Plastiknetze und Folien, die Abfälle der Zivilisation sind ein großes Problem. Das bisher nur spärlich vorhandene Umweltbewusstsein der Inselbevölkerung scheint aber langsam zu wachsen. Auf Fidschi und Vanuatu hörten wir täglich im Radio Diskussionen über Umweltschutz und das Verbot von Plastiktüten. Das lässt hoffen!
Abgesehen von den Tuamotus, wo außer Kokospalmen wirklich nichts gedeiht, wachsen die Früchte auf den anderen Inseln wirklich wie im Paradies. Nirgendwo sind die Pampelmusen saftiger, die Ananas süßer und die Bananen schmackhafter als auf den Marquesas. Die Natur gibt den Menschen, was sie zum Überleben benötigen. Und für alles andere sorgt in Französisch Polynesien oder in den von Neuseeland unterstützten Staaten eben das ferne „Mutterland“. Es gibt kaum Landwirtschaft, angebaut wird nur zum Eigenbedarf. Die Verdienstmöglichkeiten sind gering, also wandert die Jugend aus, zurück bleiben Kinder und Alte, das Sozialgefüge ist auf diesen Inseln gestört. Anders sieht es auf den Inseln aus, die ihre Unabhängigkeit bekommen haben. Auswanderung ist in Tonga und Vanuatu nicht leicht, in Fidschi sogar per Gesetz erschwert. Damit bleibt die Arbeitskraft im Land und es entwickelt sich weiter. Uns ist aufgefallen, dass der Anteil bewirtschafteter Flächen da deutlich höher ist. Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht wird mit einfachsten Mitteln betrieben. Der Export von Rindfleisch wird z.B. auf Vanuatu aufgebaut. Überall auf den Hauptinseln sind die größeren Orte (=Städte?) gleich: ein paar Hotels, Geschäfte, Supermärkte mit teils reichhaltigem Angebot, Autohandel, ein paar Werkstätten, Schmutz, Staub und emsiges Treiben. Was aber überall fehlt, ist jegliche industrielle Infrastruktur. In den Dörfern, auf den kleineren Inseln, scheint die Zeit aber stehen geblieben zu sein. Hier sieht man vorwiegend Holz- oder Bambushütten mit Palmblattdächern. Mauersteine und Beton werden hauptsächlich für Kirchen, Schulen und Gemeinschaftsbauten verwendet. Nur wenige Häuser sind solide gebaut, ihre Zahl nimmt aber zu seit den Zerstörungen durch den letzten Hurrikan. Leider sind Wellblech, Spanplatten und Plastikfolien oft benutze Baumaterialien mit all ihren Entsorgungsproblemen. Auf den größeren Inseln laufen Stromleitungen zu den Dörfern, aber die meisten Orte versorgen sich über Generatoren und Solarzellen. Die wenigen Errungenschaften der Moderne sind überall Handys, Satellitenschüsseln mit TV und Autos. Chief Jasom von Erromango kennt jedes europäische Land und seine Fußballer, er schaut regelmäßig EuroSport! Fahrräder oder Kinderwagen sieht man kaum, Kühlschränke gibt es in keinem Haus und die Wäsche wird, wenn möglich, im Fluss gewaschen. In den winzigen Geschäften ist das Angebot sehr begrenzt. Ein paar Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis, Zucker, Kaffee oder Milchpulver stehen neben einigen Konserven. Es gibt Putz- und Hygieneartikel und oft riesige Gefriertruhen mit Brot (labberiges Toastbrot!) und für uns wenig appetitlich aussehendem Fleisch. Coca-Cola, Colgate-Zahnpasta und Nutella haben wir überall gefunden. Alkohol gab es nur in Französisch Polynesien im Überfluss. Die Versorgung geschieht über kleine, flachgängige Frachter, die oft direkt am Strand anlanden. Sie kommen unterschiedlich häufig, teils wöchentlich, aber auch nur monatlich oder noch seltener. Und wenn das Wetter nicht passt oder einer auf` s Riff gelaufen ist, auch mal längere Zeit gar nicht!
Besonders in Vanuatu fiel uns auf, dass man versucht, den Anschluss an die Moderne zu schaffen ohne die Traditionen zu vergessen. Vorsichtig wird der Tourismus angekurbelt. Das kleine Kulturzentrum am Mt. Yasur auf Tanna ist ein gelungenes Beispiel dafür. Auch Evergreen-Bus-Tours in Port Vila bietet mit seiner Inseltour interessante Einblicke. Schade nur, dass der Stopp in einem Dorf, in dem man angeblich noch nach alten Traditionen lebt, lediglich eine inszenierte Vorstellung durch ein paar in Graskleidern auftretende Männer, Frauen und Kinder ist. Zwar lernen wir viel über die Lebensweise der alten Melanesier, aber sie leben anscheinend in der Nähe in einem ganz normalen Dorf, wie alle anderen auch. Und auf dem Weg zu dieser Vorführung fahren wir kurz davor an einer Reihe moderner, steinerner Bungalows in großen gepflegten Gärten mit Mauern darum herum, Toren und Stromkästen, vorbei. Das passt nicht! Etwas ist uns auf allen Inseln der Südsee aufgefallen: es gibt keine Einrichtungen für Senioren. Die Alten leben im Kreis ihrer Familien und werden mit Respekt im Dorf behandelt. Auf die Schulbildung der Kinder wird großen Wert gelegt, Grundschulen gibt es in jedem Dorf, weiterführende Schulen mit Internatsbetrieb hat fast jede Insel. Der Zusammenschluss der Staaten mit ihren Universitäten ist eine tolle Sache. Bleibt nur zu hoffen, dass die Studenten nach ihrem Abschluss auch Arbeit im Land finden.
Maurice, unser Busfahrer auf Efate, hat uns ein bisschen über das Leben hier erzählt, z.B. über die Wahl des Ehepartners. Dabei geht es nicht um Schönheit, hier geht es um Fähigkeiten. Kann ein Mann gut auf Bäume klettern, so kann er Kokosnüsse ernten und die geraden Hölzer in den Baumkronen schneiden, die zum Hausbau benötigt werden. Somit kann er seiner Familie ein Dach über dem Kopf bieten und sie ernähren, ist also eine gute Partie! Er wird eine Frau suchen, die gut in der Verarbeitung der Palmblätter ist. Sie muss daraus Dachabdeckungen herstellen und aus den Fasern Matten zur Wand- und Bodenverkleidung weben sowie Kleider fertigen können. Außerdem muss sie kochen und die Kinder erziehen. Stirbt eine junge Mutter, so muss der Vater zwei Jahre lang allein für seine Kinder sorgen. Erst nach dieser Zeit, wenn er bewiesen hat, dass er zu seinen Kindern steht, darf er eine neue Partnerin suchen, die dann vom Nachwuchs auch akzeptiert wird. Hält er die zwei Jahre nicht ein, dürfen die Kinder ihn verlassen und zu Verwandten gehen.
Auf allen Inseln des Südpazifiks sind wir nur freundlichen, fröhlichen Menschen begegnet. Überall wurden wir mit Lächeln und großer Herzlichkeit aufgenommen. Über Missstände wurde sachlich berichtet, um Hilfe konkret gebeten, nie war ein Jammern oder Klagen dabei zu hören. Die Fidschianer sind schon glücklich und zufrieden, aber auf Vanuatu sollen Umfragen zufolge die glücklichsten Menschen der Welt leben. Wir sind geneigt, es zu glauben! Gibt es also doch noch ein kleines Fleckchen vom Paradies?
Nicole und Armin SY ASHIA, SM2k, #357

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